Mein Leben mit Essstörung

Die ersten zwölf Jahre unseres Lebens sind entscheidend für unsere Persönlichkeit. Sie entscheiden wie wir das Erwachsen­werden erleben und später unser Leben gestalten. Ich verstand lange nicht, weshalb ich oft lustlos, desinteressiert und orientierungslos war.

Hinzu kam, dass ich mich die meiste Zeit überflüssig und unsicher fühlte, weil ich fest davon überzeugt war, dass mich jeder dumm und hässlich findet. Nach außen hin zeigte ich das nicht. Ich versuchte immer cool und unabhängig zu wirken.


Als Teenager fing ich an, Makel an meinem Körper zu finden und mit Anfang 20 war ich in der Essstörung komplett gefangen. 

Der Tag begann mit dem Weg auf die Waage und die Zahl entschied über meine Laune und über meinen Tagesablauf. Ich hatte so viele Diäten probiert und war jedes Mal deprimiert, wenn ich wieder scheiterte. So dachte ich: „Du bist nicht mal fähig, eine ordentliche Diät durchzuhalten.“ Ein letztes Mal wollte ich es "richtig“ durchziehen und aß so gut wie nichts mehr. Ich trank einen Cappuccino und nahm zwei Tütensuppen am Tag zu mir.

Zusätzlich machte ich Sport bis zur körperlichen Erschöpfung. Diesmal klappte es und ich verlor innerhalb von drei Monaten fast 20 Kilo. Endlich hatte ich es geschafft. Jetzt würde alles gut werden, denn zum ersten Mal hatte ich mein Ziel erreicht - ich war dünn. Damals hätte ich zu alles dafür gemacht, um endlich dünn zu sein. Meine Gesundheit war mir total egal. Ich trank kaum noch etwas. Höchstens zwei Gläser am Tag.



In dieser Zeit nahm ich Flüssigkeit nur in Form von Alkohol zu mir. Ich fühlte mich verloren, deswegen betrank ich mich an den Wochenenden regelmäßig. Das einzige, was mir in dieser Zeit gefiel, war es mich und meine Gefühle zu betäuben. Es dauerte nicht lang und ich rutschte vom "nichts essen“ in das "ständige fressen“ und irgendwann kam das Kotzen dazu, denn ich wollte niemals wieder zunehmen. Somit war ich gefangen im Teufelskreis von Fressen, Kotzen und Hungern.


Mein Alltag

Mein Alltag als Bulimiekranke sah so aus: Aufstehen, Joggen, bis nachmittags in die Arbeit quälen, 15:30 Uhr Feierabend, danach rasch in den Supermarkt und Essen gekauft oder geklaut. Dann begann das große Fressen. Meistens aß ich bis zu einer Stunde um mich dann erschöpft und voller Magenschmerzen zum Klo zu schleifen. Das machte ich meist zwei bis drei Mal am Nachmittag. Danach fiel ich total erschöpft ins Bett und schlief ein. Am nächsten Tag das gleiche.

Am Anfang meiner Bulimie war ich total happy, denn endlich konnte ich essen was ich wollte ohne dick zu werden.

Etwas später bemerkte ich, dass das Fressen und Kotzen ziemlich ätzend ist, aber da war mir noch lang nicht bewusst in welcher ernsten Lage ich mich befinde. Irgendwann wurde mir klar wie krank ich bin und das machte mir dann eine scheiss Angst. Denn in meinem Kopf war dieser Glaubenssatz fest verankert: „Esse ich normal, nehme ich stetig zu.“

Da ich schon so viele Jahre ein gestörtes Essverhalten hatte, hatte ich den Bezug zum normalen essen total verloren. Ich wusste einfach nicht mehr: "Was kann ich essen? Wie viel? Wie oft?" Ich fühlte mich hilflos und der Essstörung ausgeliefert. Ich wusste nicht, wie ich da jemals herauskommen sollte.


Zu meinem Glück begann ich eine Therapie. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet und hatte viel Angst, denn die ES wollte ich unbedingt behalten. Ich hasste sie, aber ich brauchte sie auch. Ich blieb 9 Wochen stationär, danach besuchte ich eine weitere Klinik, da die ES noch da war. Damals dachte ich, ich habe versagt. Heute weiß ich, dass alle Menschen mit Erfolg schon mal gescheitert sind. Das was zählt ist nur, dass du immer weitermachst. Gib niemals auf.

Nach den zwei Klinikbesuchen nahm ich noch ein paar Stunden bei einer Psychologin, aber das ging nicht lang. Ich wollte meine ES nicht loslassen. Trotzdem wurde es langsam besser, ich kotzte nicht mehr so regelmäßig, manchmal waren ein, zwei oder drei Wochen dabei an denen ich von der Toilette fernblieb. Zum Schluss meiner Bulimie hatte ich immer weniger das Bedürfnis zu erbrechen, weil ich begann, eine andere Sichtweise auf die Dinge zu entwickeln. 


Meine Schwangerschaft

Schlussendlich war ich komplett aus der ES raus als ich schwanger wurde.

Das war meine Motivation alles zu ändern. Ich will meiner Tochter ein Vorbild sein und möchte meiner Familie lang und gesund erhalten bleiben. Jeder noch so kleine Schritt Richtung Heilung ist bedeutend. Alles, so wie es gekommen ist, war richtig für mein Leben. Ich weiss, dass es jeder aus der ES schaffen kann, denn ich hab es auch geschafft. Jeder Mensch trägt Fähigkeiten und Talente in sich, um ein gesundes, erfüllendes Leben leben zu können.